Logbuch 14 (geschrieben am 29.12.04)

War noch am 23. die Klage verbreitet, dass die fehlende Dunkelheit jedwede Weihnachtsstimmung überblendet und ausblendet, bescherte die Weihnachtsparty im Blauen Salon Hochstimmung fast aus dem Stand. Das Nobel- und Repräsentierzimmer des Schiffs wurde zum internationalen Tanzsaal, nachdem ein Weihnachtsmann honoris causa, natürlich Fahrtleiter Michael Spindler, Geschenke ausgeteilt hatte. Praktischerweise hat der AWI-Polaranzug genau das klassische Weihnachtsmann-Karminrot.

Ich werde mein Lebtag "Stille Nacht, heilige Nacht" nicht mehr hören können, ohne dass in meinem inneren Ohr unsere 2004-Polarstern-Interpretation in 7 Sprachen mitschwingt, swingt und schäppert. Unvergesslich: der einzige Grieche an Bord, Stathy, der die Version in seiner Sprache mit tapferem Tenor tremoliert, oder das nordische Dreifach-Sturmgebraus der Finnen. Nicht zu vergessen das australische Solo -o miraculum miraculorum! - in Latein. Die Aluminiumpapier-Christbaumkugeln, auf denen Portraitfotos der Expeditionsteilnehmer prangten, am Computer herrlich blöd verzerrt, forderten zu spontanen Kommentaren heraus von "endlich ein Psychobild von mir" bis "ähnlicher als mein Passbild". Weihnachts-Faxe von allen Dienststellen und Partnern, mit denen Polarstern irgendwie zu tun hat, darunter auch ein Gruß von Forschungsministerin Edelgard Bulmahn und Handschriftliches von Bremens Bürgermeister Henning Scherf.

Unglaublich, jeden bisherigen Superlativ locker an den Tellerrand drückend: Das Festbuffet am 1. Weihnachtstag im leer geräumten Hubschrauberhangar, der gut und gerne die Größe eines mittleren Dorfgemeinschaftshauses hat. Und siehe, das Dorf versank - wohl gemerkt bei deutlich hoher Erwartungshaltung - in andächtig gefräßiger Stille. Der Name sagt es, die Polar-STERN-küche ist eine Sterne-Küche.

Aber die heftigste Bescherung kommt von außen. Die Heilige Nacht hat unsere Scholle schwer angeschlagen. Die Finnen hatten es rechtzeitig erahnt - Finnen spüren so etwas im Zwölffingerdarm - und nach der Feier im Blauen Salon noch um 3 Uhr ihre Datenbox vom Eis geborgen. Am 25.12. hängt ihr Mast halb abgestürzt an einer riesigen Bruchkante, die unsere Scholle halbiert. Eine der Windmesskugeln dümpelte im Eismatsch. Kleine Spalten haben sich über Nacht auf Elbbreite geweitet, auf Backbord schwarzblaues Wasser, genau da, wo ich gestern ski-langgelaufen bin; ein neuer Presseisrücken nie gesehener Größe hat Haukes kostbares Untereisnetz samt Übereis-Stahlgestänge geknickt und zerrissen; eine von Gerhard Dieckmanns Sedimentfallen ist buchstäblich verschollen.

Unsere ganze Scholle ist verschollen, zumindest das alte, vertraute Bild, das wir von ihr hatten. Auf der Brücke stehen Experten und Laien und versuchen das neue Puzzle im Geiste wieder mit dem vertrauten Stand von Vor-Weihnachten abzugleichen. Was war das? Gezeitendrift, Wind, der Weddellwirbel? Christian Haas, bei dem die wichtigen Eisdaten zusammenlaufen, hatte schon vor einigen Tagen ein seltsames Phänomen beobachtet: Ein tief eingetauchter Schollenteil, oben deutlich grünbraun bematscht, war plötzlich wieder angehoben, trocken und quasi-winterlich; also musste sich ein gewaltiger Druck an dieser Stelle gelöst haben. Das Diagramm unserer Eisdrift, zeigt groteske Kreiselbewegungen. Mal hatte der Weddellwirbel die Oberhand, mal ein strammer Nordwind, der uns auf Gegenkurs brachte, bisweilen zeigten die Gezeitenkräfte sich als kleine Ausschläge entlang der Hauptrichtung. Nicht ganz das, was die Experten erwartet hatten - man hatte sich die Drift geradliniger vorgestellt. Aber man hatte sich auch vorgestellt, dass Vorstellungen in dieser fast unerforschten Weltgegend notwendigerweise vorläufig sind.

Das Ereignis von Heilig Abend ist an sich nicht neu, nur heftig. Schon in den vergangenen Tagen mussten Schlauchboote zu abgesprengten Schollenteilen eingesetzt werden, wenn die Gruppen am alten, definierten Ort weiterhin Kerne ernten oder Eis- und Schneedicken messen wollten. Plötzlich wird unübersehbar, dass unsere Zeit auf und an der Scholle ausläuft. Die überbrückende Notlösung für die letzten anderthalb Forschungswochen: Polarstern wird verlegt, legt sich in die Zentralspalte, die unsere Ex-Scholle jetzt teilt; von hier aus sind die abgesprengten Teile ungefähr gleich leicht oder schwer zu erreichen.

Ein gutes, lebenswertes 2005 wünschen Wissenschaftler und Besatzung von Bord der Polarstern!