Logbuch 15 (geschrieben am 02.01.05)

Abschied von der Stationsscholle, die merkwürdigerweise keinen Populärnamen erhalten hat. Für mich war sie einfach "Heimatscholle". Mir fällt - könnte es unpassender sein? - die heiße Wüste ein beim Versuch, Abschiedsworte an unsere Scholle zu richten. Die Wüste und ein Kino-Erlebnis meiner Kindertage, mein erster großer Naturkundefilm auf der fleckigen Dorf-Kinoleinwand in Hanstedt, Lüneburger Heide. Ein Film, der mich auf den Weg gebracht hat, auf den Weg wohl auch hierher; er hieß: "Die Wüste lebt", von Walt Disney.

Dieses Motto gilt ohne Abstriche auch für die so genannte Eiswüste, für die wüste Welt der Schollen. Das Leben, das von Eis- und Meeralgen begründet wird, das mit Ruderfußkrebsen und Krill gewaltig an Drehmoment gewinnt, das in Gestalten wie Blauwalen, Pinguinen, Albatrossen und Seeleoparden kulminiert, das über DMS den (Wolken)Himmel steuert und über DOM den Ozean düngt, lässt sich offenbar nicht beeindrucken von dem, was Menschen für wirklich und für unwirklich halten. Es existiert einfach, ohne nach wissenschaftlichen Referenzen zu fragen. Und in diesem entlegenen Meer - einem Meer, in dem moderne Mythen geboren wurden wie die Shackleton-Drift auf des Todes Messerschneide, in dem verkannte Helden unfassliche wissenschaftliche Pioniertaten vollbrachten, wie mein persönlicher Held, Erich von Drygalski - ausgerechnet in diesem Randmeer bekommt der Puls der weltumfassenden Ozeanströmungen seinen Rhythmus aufgeprägt. Ausgerechnet hier wird im großen Stil versenkt, was wir gern versenkt sehen, das Treibhausgas C02. Und ausgerechnet hier liegt eines der Passwörter für ein Klima-Rechenmodell, das wir brauchen, wenn wir uns noch eine Chance ausrechnen wollen.

Die Scholle, die Polarstern am 2. 1. 2005 auf auf 67.23 Süd, 55.25 West zurücklässt, ist nur noch ein Brösel dessen, was wir Ende November 2004 vorfanden. Aber es ist ja nichts verloren gegangen. Es scheint nur so.

PS Zur Jahresmitte 2005 erscheint im Verlag Frederking und Thaler, München, das GEO-Buch "Die Scholle", der offizielle Expeditionsbericht von Ingo Arndt (Fotos) und Claus-Peter Lieckfeld (Text). Das Buch verwendet unter anderem auch Logbuchtexte aus dieser Serie, dazu viel Neues und genauere Beschreibung der Wissenschaft in den Polarstern-Bordlabors und auf der Scholle